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Das Buch bietet einen sehr interessanten und aufschlußreichen Überblick über die sowjetische Artillerie und ihre Entwicklung während des 2.Weltkrieges,
und über die Organisations- und Operationsgeschichte der übergeordneten Artillerieeinheiten (entspricht etwa der deutschen Heeresartillerie).
Gerade diese großen Artillerieeinheiten machten auch den Hauptteil der sowjetischen Artillerie aus, während in den Divisionen hauptsächlich direktfeuernde Artillerie verblieb.
So hatte etwa 1941 die Schützendivision zwei Artillerie-Regimenter, ein leichtes (die berühmten 7,62mm Ratsch-Bumm) und ein Haubitzen-Regiment.
Die mechanisierten oder Panzerdivisionen hatten zu diesem Zeitpunkt ein einzelnes motorisiertes Haubitzen-Regiment.
Damit gab es zum 22.Juni 1941 neben den 488 in die Divisionen eingegliederten Artillerie-Regimenter bereits etwa 90 Korps-Artillerie-Regimenter mit je 36 Kanonen oder Haubitzen.
In diesem Jahr waren etwa 112.000 Geschütze und Mörser im Bestand der roten Armee.
Viele davon gingen bis Ende 1941 verloren und fanden sich in deutschen Händen wieder.
Bereits im Juli 1941 wurde der bestimmende Trend in der Entwicklung der sowj. Artillerie eingeleitet, wo diese wertvollen Assets immer mehr konzentriert und zentralisiert wurden.
Die Juli-Organisation strich das Haubitzen-Regiment aus der Schützen-Division und mit der Aufgabe der Schützen-Korps wurden alle unabhängigen Artillerie-Regimenter zentral
dem Armee-Artilleriekommandeur unterstellt. Parallel dazu wurden auch die als zu groß empfundenen Art-Regimenter verkleinert und außer bei den größten Kalibern auf Pferdezug umgestellt.
Mit diesen Änderungen wurde auch das Direktfeuer stark forciert. Bereits während des spanischen Bürgerkrieges hatte Woronow, der Artilleriechef der Roten Armee festgestellt,
dass für das Vernichten eines Zieles mit Direktfeuer nur rund 10 Prozent der Munition benötigt wird als mit indirekten Flächenfeuer.
Außerdem konnte damit die umfangreiche Beobachter-, Rechenstellen- etc. Organisation eingespart werden mit ihren großen Bedarf an Kommunikationsmitteln und geschultem Personal.
Und sowohl bei der Produktion der Nachrichtenmittel (Funk, Telefon, Optiken etc.) als auch bei der Ausbildung des spezialisierten Artilleriepersonals gab es in der Sowjetunion große Engpässe.
(Die Funkgeräte und sonstige Ausrüstung wurden später in großen Umfang über Lend Lease geliefert, darunter auch spezielle Ortungsgeräte, die dann ab ca. 1944 mit großem Erfolg eingesetzt wurden)
Daher der große Schwerpunkt beim Direktfeuer, insbesondere bei den leichteren Geschützen (76mm). Diese waren eigentlich Dual-Purpose-Guns, dass heißt gedacht für die Doppelrolle Artillerie und Panzerabwehr, obwohl sie oft fälschlicherweise als PAK angesprochen werden. Eigentlich waren (soweit ich weiß) nur die 37mm und 45mm Geschütze als PAK gedacht (später auch die 57mm PAK ZIS-2), aber wurden auch immer wieder nach vielen Berichten mit Sprenggranaten als direktfeuernde Artillerie eingesetzt.
Die Produktion der vielen Geschütze stellte ein geringeres Problem für die sowj. Industrie dar. Dafür gab es auch bei der Produktion von Munition Engpässe (z.B. bestimmte Rohstoffe) bzw. wurde wesentlich weniger davon pro Rohr produziert als für die deutsche Wehrmacht (dazu aber später mehr, da diese Daten aus anderen Werken stammen).
Aufgrund der angesprochenen Engpässe konzentrierte die Rote Armee alle wertvollen Kräfte auf Armee-Ebene oder sogar darüber. Hier konnten die wenigen verfügbaren Spezialisten möglichst effizient eingesetzt werden.
Dadurch wurde diese Organisation aber wieder zu unübersichtlich, im Mai 1942 hatte etwa die Südwestfront nicht weniger als 35 unabhängige Artillerie-Regimenter zu führen und versagte dabei. Während der Stalingrad-Gegenoffensive waren noch mehr unabhängige Regimenter zu führen. Diese Artilleriemassen konnten nur für die ersten ein oder zwei Tage koordiniert werden (für das Vorbereitungsfeuer), während der folgenden Bewegungsphase war dies komplett unmöglich.
Die Antwort auf die Probleme der Zentralisierung des technischen Supports bei (etwas) flexibler Führung war die Formierung von Artillerie-Divisionen.
Die erste davon wurde im Oktober 1942 an der Stalingrad-Front aus 8 Regimentern geformt. Das Wertvollste daran waren nicht die 3 Kanonen-, 2 Haubitzen oder die die 3 76mm-Artillerie-Regimenter, sondern der spezialisierte Stab an Artillerie- und Fernmeldepersonal. Bis Ende 1942 gab es 25 derartige Divisionskommanden. Später im Jänner 1943 wurden die unterstellten Regimenter in Brigaden untergliedert (jeweils 3 Regimenter pro Brigade).
Später (gegen Ende 1943 und 1944) wurden auch unabhängige Artilleriebrigaden aufgestellt, die Schützenkorps unterstützen sollten und nun ebenfalls Spezialisten für Kommunikation und Feuerleitung inkludiert hatten.
Mit den Artilleriedivisionen wurde die gesamte Artillerie nicht sprunghaft vergrößert, da sie aus bestehenden Einheiten geformt wurden. Damit wurde aber die Führbarkeit und Flexibilität wesentlich verbessert und damit konnte die Rote Armee endlich der Wehrmacht Paroli bieten. Nun wurde die Führung wendiger und es wurden entscheidende Durchbrüche möglich.
Weitere Verbesserungen waren das Upgrade von Artillerie-Divisonen zu "Durchbruchs-Divisionen" (Angliederung von 152mm oder 203mm Haubitzen-Brigaden)
und für die Führung der Artillerie-Divisionen auf Front-Ebene wurden auch Artillerie-Korps gebildet.
Aber bereits eine Art.Division hatte so viel Feuerkraft, dass viele Offensiven von 1943 oder 1944 keine Art.Korps-Kommanden benötigten.
Anfang 1944 konnte die Rote Armee 26 Artilleriedivisionen inklusive 11 Durchbruchsdivisionen einsetzen, zusätzlich 6 Art.Korps-Kommanden und 7 Garde-Mörserdivisionen (Raketenwerfer = Katjuschka).
Bis Ende des Jahres folgten weitere 11 Art.Divisionen und viele davon wurden bei Bagration eingesetzt.
Und diese 1944 aufgestellten Divisionen wurden komplett aus ebenfalls neuen Brigaden aufgestellt, vermehrten damit die verfügbare Artillerie nocheinmal wesentlich.
Zu Kriegsende gab es 37 Art.Div., davon 6 Garde-Div, 2 polnische Art.Div., 10 Art.Korps-Kommanden und und 7 Garde-Mörserdivisionen (Raketenwerfer = Katjuschka).
Eine Art.Div. konnte bis zu 404 Geschütze haben, wobei die Unterstellungen je nach Bedarf wechselten.